Musik und Musiktheater in Pressburg / Pozsony / Bratislava vor und nach dem Ersten Weltkrieg : Aspekte und Kontexte

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Musikalische Traditionen von Bratislava (deutsch Pressburg, ungarisch Pozsony), einer Stadt, die bis zum zweiten Weltkrieg von Mehrsprachigkeit und Multiethnizität geprägt wurde, wurde bereits Gegenstand ausführlicher historischer Untersuchungen.
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  Vladimír Zvara   Musik und Musiktheater in Pressburg / Pozsony / Bratislava vor und nach dem Ersten Weltkrieg Aspekte und Kontexte In der Geschichtsschreibung ist der Nachvollzug von Bruchlinien und Kontinuität  historischer Prozesse von gleicher Wichtigkeit. In der Geschichte der Stadt Bratislava (Pressburg, Pozsony) in der zweiten Hälfte des 19. Jahr  hunderts und im 20. Jahrhundert begegnen wir mehreren einschneidenden Brüchen. Es handelt   sich um primär politische Ereignisse, die jedoch erhebliche Konsequenzen auf das gesellschaftliche Leben und das kulturelle Geschehen hatten: der Österreichisch -Ungarische Ausgleich (1867), die Entstehung der Tschechoslowakischen Republik (1918  – 1919), der Zerfall der Tschechoslowakischen Republik und der Beginn des Zweiten Weltkriegs (1938, 1939), das Ende des Kriegs (1945) und der „Siegreiche Februar“ (die kommunistische Macht übernahme) in 1948. Wohl führt das Leben konkreter Menschen meistens quer durch solche geschichtlichen Brüche, um dadurch die Kontinuität der Geschic hte zu gewährleisten . D och für Bratislava des 20. Jahrhunderts trifft das, leider, nur begrenzt zu. In historisch kürzester Zeit kam es nämlich  wiederholt zu  –  zumindest partiellem  –   „Bevölkerungsaustausch“. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen zahlreiche Zuwan derer in die Stadt  –  Slowaken und Tschechen. Die meisten Tschechen zogen 1938 wieder ab. Während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere in den Jahren 1942 und 1944, wurde der Großteil der Juden aus der Slowakei, also auch aus Bratislava in den fast sicheren Tod transportiert. 1945  – 1946 wurden viele Ungarn und Deutschen gezwungen, die Stadt zu verlassen, bzw. wurden aus ihr verjagt, 1948 folgten dann viele Nicht-Kommunisten. Gleichzeitig zogen Slowaken zu, in Zahlen, die die Zwischenkriegs-Zuwachsrate weit übe rtrafen. Mit dem Ergebnis, dass beide seit Jahrhunderten dominierenden Sprachen der Stadt  –  Deutsch und Ungarisch  –  ihr abhanden gekommen sind. Die ethnische Vielfalt von Bratislava versank in die Vergangenheit. Die deutsch-slowakisch-ungarische Dreisprach igkeit, in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen noch gang und gäbe, wurde nach dem zweiten Weltkrieg zu einer marginalen Erscheinung und überlebte nur in wenigen „Pressburger“ Familien.   Für Historiker sind Brüche und Trennlinien leichter erfassbar un d zuweilen attraktiver als Kontinuität. Bei der Suche nach einer geschichtlichen Orientierung und  ihrer Auswertung sind nicht selten ideologische Schemen und teleologische Konstruktionen behilflich, die oft auch als das historische Bewusstsein lenkende Nor  men funktionieren. Für slowakische Musik - und Theaterhistoriker war und ist zum Teil bis heute die Sichtweise der „slowakischen Musik“ und des „slowakischen Theaters“ in ethnischer Auffassung maßgeblich. 1 Von dieser Optik wird insbesondere der Markstein des Jahres 1918 unterstrichen und so manche existierende überethnische Kontinuität der kulturellen Entwicklung auf dem Gebiet der heutigen Slowakei verunklart. Wird aber für die Geschichte der Kultur mechanisch die Periodisierung der politischen Geschichte und dazu noch die teleologische Orientierung im Geiste einer konkreten nationalen Ideologie angewandt, so kommt es zur weitgehenden Selektion und Deformation des historischen Gedächtnisses. Besonders trifft dies für   Bratislava und dessen Kulturgeschichte zu. Das Jahr 1918 (bzw. 1919) kann keinesfalls als das Jahr Null betrachtet werden. Die Operette, aus Wien kommend, bildete gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Kern des lokalen ungarischen Theaterrepertoires, überlebte den Umsturz und konnte auch noch in Zeiten des Slowakischen Staates (1939  – 1945) die Kasse des Slowakischen Nationaltheaters füllen. Das deutsche Schauspiel in Bratislava, dessen Tradition 1   Das deuten auch schon die Titel von zwei großen Synthesen der 90er Jahre an: E LSCHEK , Oskár (Hrsg.): Dejiny slovenskej hudby od najst  arších čias po súčasnosť   (Geschichte der slowakischen Musik von den  Anfängen bis zur Gegewart). Bratislava: ASCO Art & Science 1996; M ISTRÍK , Miloš et al.: Slovenské divadlo v 20. storočí   (Slowakisches Theater im 20. Jahrhundert). Bratislava: Veda 1999.  tief in die Vergangenheit zurückgreift, erreicht den qualitativen Höhepunkt  paradoxer Weise in den 1920er und 1930er Jahren, indem es die Errungenschaften des modernen deutschen Theaters in vollendeter Form präsentiert und die Schöpfer der slowakischen Theater  moderne maßgeblich inspiriert. Ungeachtet aller politischer und kulturpolitischer Widersprüche und Kon flikte erweisen sich diese Jahrzehnte auch als eine Zeit der Koexistenz und oft eines höchst inspirierenden  Austausches von Alt-Pressburg und Bratislava. Es ist wichtig, auf diese Werte des kulturellen Vermächtnisses der Stadt, die  aus national-ideologisch en, bzw. auch aus „ klassenpolitisch “   bedingten Gründen verdrängt wurden, zurückzugreifen. Zu den markantesten Beispielen gehört das Schaffen des hiesigen Vertreters der musikalischen Moderne Alexander Albrecht (1885  – 1958), das wir erst seit kurzem neu entd ecken, dank der dramaturgischen Tätigkeit von Vladimír Godár. 2 Betrachtet man aber die Musik- und Theatergeschichte als Geschichte des Musik- und Theatergeschehens, stoßt man an erhebliche methodologische Probleme. Aus dem untersuchten Zeitabschnitt sind bis auf wenige Ausnahmen keine Tondokumente überliefert. Es gibt kaum Bildmaterial von Opern- und Operettenproduktionen vor 1918, und auch bei vorhandenen Photographien aus späterer Zeit (nicht allein aus Bratislava) handelt es sich entweder um Studioaufnahmen oder um Fotos, die zwar in authentischen Kostüme n und Kulissen aufgenommen wurden, die aber nicht während der Vorstellungen entstanden sind und somit vom Bühnengeschehen , von der Schauspielkunst der Akteure, vom Stil und Atmosphäre der Inszenierungen nur wenig aussagen. Die Quellenlage ist fragmentarisch. Soweit es um schriftliche Quellenbasis geht, besteht diese aus Verträgen, Betriebs - und Amtskorrespondenz, Buchhaltung, Notenmaterial, Regiebüchern. Auch in diesem Fall ist die Situation hinsichtlich der Zeit vor 1918 sehr unerfreulich. Musikalische Veranstaltungen wurden größtenteils von privaten Agenturen organisiert, im Städtischen Theater spielten private Theatergesellschaften. Schriftliches Material, bzw. Archive dieser Veranstalter wurden nicht s ystematisch aufbewahrt, weder damals, noch später. Unter jenen Gesellschaften, die vor der Gründung des Slowakischen Nationaltheaters (1920) am Städtischen Theater wirkten, bildet der Nachlass des Theaterdirektors Ignácz Krecsányi eine positive Ausnahme, bewahrt in der Széchenyi Bibliothek in Budapest (Theaterabteilung). Erhalten sind auch Quellen über die Tätigkeit des Kirchenmusikvereins zu St. Martin. 3 Die ausgiebigste Informationsquelle für heutige Forschungszwecke bietet daher die in Pressburg / Pozsony / Bratislava erscheinende zeitgenössische deutsche, ungarische und slowakische Presse, 44 bzw. auch die Wiener und Budapester Presse, die gelegentlich über bedeutende Veranstaltungen in unserer Stadt informierte. Zeitungen und Zeitschriften jener Zeit brachten nicht nur Rezensionen über Veranstaltungen, sondern auch deren Ankündigungen, Essays und Betrachtungen über das kulturelle Leben der Stadt sowie Berichte von Tagungen der Stadtverwaltung (Berichte von Generalversammlungen des Munizipalrats und von Sitzungen der Theaterkommission, veröffentlicht in den Tagblättern  Pressburger Zeitung und Westungarischer Grenzbote). Vom aktuellen Kulturleben erfahren wir aus der zeitgenössischen Presse mehr als uns dies die Presse unserer Gegenwart ermöglicht. Trotzdem ist auch diese Art von Quellen von begrenzter Aussagekraft, da das geschriebene Wort oftmals von persönlichen oder Gruppeninteressen und Ideologie beeinflusst wird. Es gilt, dass das geschriebene Wort die Realität zum Teil reflektiert und zum Teil erschafft. Auch Musik- und Theaterrezensionen sagen nicht selten 2   Der Anregungen von Vladimír Godár ist zu verdanken, dass eine Reihe von Albrechts Werken wiederaufgeführt wurden –   unter anderem im Rahmen des Festivals Epoché (2006) und der Musikfestspiele Bratislava 2008 und 2009. Kürzlich wurden Texte von Alexander Albrecht veröffentlicht:  A LBRECHT ,  Alexander: T  úžby a spomienky. Úvahy a retrospektívne pohľady skladateľa   (Hrsg. Vladimír Godár). Bratislava: Hudobné centrum 2008.   3  Vgl.   L ENGOVÁ , Jana: Pressburger Kirchenmusikverein zu St. Martin (1833  – 1950) . In: 16. Slovenski glasbeni dnevi / 16th Slovenian Musical Days 2001. Ob 300. obletnici ustanovitve Academiae philharmonicorum Labacensium in 100. obletnici rojstva skladatelja Blaža Arniča / At the 300th Anniversary of Academia Philharmonicorum Labacensium (Hrsg. Primož Kuret) . Ljubljana: Festival Ljubljana 2002, S. 174  – 181. 4  Die bedeutendsten Zeitungen der drei Sprachgemeinschaften der Stadt waren die Pressburger Zeitung, Westungarischer Grenzbote, Pozsonyvidéki lapok, Nyugatmagyarországi hiradó und Národnie noviny.    mehr darüber aus, wie  ihre Autoren die beschriebenen Veranstaltungen betrachteten, bzw. betrachten wollten, welche künstlerische und gesellschaftliche Bedeutung sie ihnen zuschrieben, als über die Veranstaltung selbst. Es ist bezeichnend, dass Jana Laslavíková, die das Theatergeschehen in Pressburg in den Jahren 1886  – 1920 ausführlich untersuchte, in ihren  Arbeiten mehr über gesellschaftliche und politische Aspekte des Theaters berichtet als über das T heater als künstlerisches Phänomen. 55  Andererseits sollten Musik- und Theaterhistoriker nicht auf ihre fachspezifischen Fragestellungen verzichten und über die Musik - und Theatergeschichte der Stadt nicht allein als über   einen Teil allgemeinerer kultureller und gesellschaftlicher Prozesse berichten, sondern sie auch im engeren Sinn als Geschichte spezifischer und manchmal auch bedeutender künstlerischer Ereignisse beleuchten.  *** Pressburg manifestierte sich bis ins 19. Jahrhundert vorwiegend als deutsche Stadt in Oberungarn, genauer gesagt: eine Stadt mit der Mehrzahl deutsch sprechender Bürger. Die deutschsprachigen Pressburger waren das dominierende Ethnikum, mit maßgeblicher Vertretung im Wirtschaftsleben der Stadt, als Besitzer von Immobilien, Weinbauer, Kaufleute und Handwerker. Auch die Stadtverwaltung war vorwiegend in ihren Händen. Der Aufstieg des ungarischen Nationalbewusstseins in den Reihen der Stadtbewohner tritt seit den 1840er Jahren ein, wobei die von der ungarischen Reformbewegung deklarierten Fortschritts- und Freiheitsideen eine bedeutende Rolle spielten. Im Revolutionsjahr 1848 profilierte sich der deutschsprechende Pressburger Bürger, der zugleich eifriger ungarischer Patriot und Kritiker des reaktionären Wiens war. Als nach dem österre ichisch-ungarischen Ausgleich in 1867 in ganz Ungarn ein politischer Druck auf die Magyarisierung des öffentlichen Lebens erfolgte (in Pressburg ausschließlich zum Nachteil der deutschen Sprache, da die Position der zahlreichen slowakischen Stadtbewohner und der slowakischen Sprache im öffentlichen Leben und in der Kultur unbeträchtlich war), haben die deutschen B ürger   demonstrativ ihren ungarischen Patriotismus bekundet, die Erweiterung der Rolle der ungarischen Sprache im Schulwesen, im Theater und allgemein im öffentlichen Leben unterstützt   und in Volkszählungen in hohem Maß ihre deklarative ethnische Zugehörigkeit ge än dert. 6 Die Beweggründe hierzu waren sicher verschieden: von politischer Überzeugung bis hin zur Berücksichtigung von Karrieren, ökonomisch en Vorteilen und Hoffnungen auf eine bessere Zukunft der Kinder. Zeitgenössische Quellen deuten auch an, dass das Ziel des ostentativen Patriotismus der Deutschen in Ungarn auch eine Abwehr gegenüber dem Misstrauen der „anti - Wienerisch“  gestimmten Ungarn war. Gleichzeitig muss aber betont werden, dass die sozialen Unterschiede im Alltag viel mehr Bedeutung hatten als ethnisch-sprachliche Grenzen. 7   5  L  ASLAVÍKOVÁ , Jana:  Keď lokálne neznamená provinčné. Mestské divadlo v Prešporku v rokoch 1886  -1920: fakty a kontexty  . In:  Slovenská hudba, Jg. 33 (2007), Nr. 3– 4, S. 439  – 465;   L  ASLAVÍKOVÁ , Jana  –  Z VARA , Vladimír:   „Naše publikum nerozbíja poháre od šampanského“. Poznámky k dejinám Mestského divadla v Prešporku v rokoch 1886– 1920  . In:   Prezentácie –   konfrontácie 2008. Zborník príspevkov z    medzinárodnej konferencie (Hrsg. Miloslav Blahynka  –   Markéta Štefková). Bratislava: Divis Slovakia, 2008, S. 25  – 37; L  ASLAVÍKOVÁ , Jana: Mestské divadlo v    Prešporku v   rokoch 1886   – 1920  . Dissertation (Filozofická fakulta Univerzity Komensk ého). Bratislava 2009.   6   Volkszählungen bieten folgende historische demographische Zahlenangaben für Pressburg / Bratislava:  1850/51: insgesamt 42 200 Einwohner  –  davon 74,6 % Deutsche, 17,9 % Slowaken, 7,4 % Ungarn. 1890: insgesamt 52 400 Einwohner  –  davon 59,9 % Deutsche, 19,9 % Ungarn, 16,6 % Slowaken. 1910: insgesamt 78 200 Einwohner  –  davon 42 % Deutsche, 40 % Ungarn, 17 % Slowaken. Vgl. F RANCOVÁ , Zuzana: Obyvatelia  –   etnická, sociálna a konfesijná skladba . In: Bratislava (Ročenka Mestského múzea), č.   10, Bratislava: Mestské múzeum, 1998, S. 17– 38. 7  Zu dieser Problematik vgl. T  ANCER , Jozef  –  M  ANNOVÁ , Elena: Od uhorského patriotizmu k    menšinovéhmu nacionalizmu. Zmeny povedomia Nemcov na Slovensku v 18. a 19. storočí  . In: My a tí druhí v   modernej spoločnosti. Konštrukcie a transformácie kolektívnych identít    (Hrsg. Gabriela Kiliánová –   Eva Kowalská –   Eva Krekovičová). Bratislava: Veda 2009, besonders S. 357  – 361 und 373  – 379.  Seit Beginn des 19. Jahrhunderts haben auch ungarische Theatergesellschaften im alten Pressburger Städtischen Theater, das im Jahr 1776 von Graf Georg (György) Csáky erbaut wurde, ihr Glück versucht. Doch ging es eher um  Episoden, im Vergleich zur kontinuierlichen Pflege des deutschen Theaters (ebenfalls auf der Basis von Theatergesellschaften, die sich das Stadttheater mieteten). Noch 1863 führt der Verfasser einer Zeitungsnachricht den Misserfolg der Vorstellungen der renommierten ungarischen Opern- und Schauspielgesellschaft von István Reszler im Städtischen Theater einerseits auf das verlockende Frühlingswetter und andererseits auf die Tatsache zurück, dass das Pressburger Publikum der ungarischen Sprache nicht mächtig sei. 8 Um zwanzig Jahre später (1884– 1886) wird an Stelle des alten Theaters das neue Stadttheater der  Architekten Ferdinand Fellner und Hermann He lmer erbaut. Im Städtischen Theaterkomitee wird erregt über die Gliederung der Spielzeit und über Symbolik diskutiert. 9 In der Frage der Gliederung der Spielzeit wird ein Kompromiss erzielt: Als Hauptsaison gilt weiterhin die deutsche Spielzeit, aber auch dem ungarischen Theater wird sein Anspruch im Voraus garantiert. Die ungarische Nationalidee siegt eindeutig in Sachen der Symbolik. Die Decke des Zuschauerraums im neuen Haus wird mit Szenen aus ungarischen historischen Dramen dekoriert, in den Nischen der Fassade erhalten drei Figuren des ungarischen künstlerischen Kanons   ihren Platz: József Katona, Mihály Vörösmarty und Franz/Ferenc Liszt, ergänzt durch die europäischen Klassiker Johann Wolfgang von Goethe und William Shakespeare. 10 Und die festliche Eröf  fnungsvorstellung in  Anwesenheit des ungarischen Ministerpräsidenten Kálmán Tisza, deren Programm der Rákóczy -Marsch, ein dichterischer Prolog von Mór Jókai und die Nationaloper Bánk Bán  von Ferenc Erkel bildeten, gestaltete sich zu einer wahren nationalen Manifestation. 11 Unter dem Einfluss von Richtlinien aus Budapest, die nun bestimmen, dass der Minimalanteil der Vorstellungen in ungarischer Sprache an allen Theatern im Königreich   ansteigen soll, ändert sich stufenweise auch die Proportion deutscher und ungarischer Vorstellungen im Pressburger Stadttheater. Nach der Eröffnung des neuen Hauses wurde ein Modell festgelegt , wonach der von Oktober bis Februar dauernde Teil der Spielzeit dem deutschen Theater zur Verfügung stand und nur von Februar bis April das ungarische Theater an die Reihe kam. 1902 war die Relation bereits umgekehrt: die Ungarn erhielten die attraktivere Winterspielzeit. 12 Das Theater wurde langsam aber sicher zur Plattform des politischen Kampfes. Die Magyarisierung der Kultur stieß nämlich  an die Anpassungsgrenzen der deutschsprachigen Pressburger, die mit der Einengung des Raumes für das deutsche Theater nicht einverstanden waren. Immer wieder werden ungarische Vorstellungen von Deutschen kritisiert, nicht primär aufgrund der ungarischen Sprache, sondern wegen ihrer  –  wie behauptet wurde  –   geringer Qualität. Für deutsche und ungarische Theatergesellschaften, die in dieser Zeit in Pressburg wirkten, war die Oper der traditionelle, publikumsattraktive, aber wirtschaftlich und personal anspruchsvollste Teil des Repertoires. Opernvorstellungen konzentrierten sich daher auf das Ende der Spielzeit, bzw. wurden mithilfe der aus Wien oder aus Budapest angereisten gastierenden Künstlern  zustande gebracht. 13 Das Opernrepertoire unterschied sich kaum v om üblichen Repertoire  in anderen Städten der Region: italienisches melodramma , französische opéra comique  und grand opéra , deutsche Oper, repräsentiert durch Mozarts Zauberflöte  und Werke von Lortzing und Nicolai, aber auch den „romantische n “ Wagner   (in den 70er Jahren wurden in Pressburg erstmals Lohengrin  und Tannhäuser    aufgeführt).  Seit den 60er Jahren gewann die Operette zunehmend an Popularität und entwickelte sich zum Repertoire -Schwerpunkt der ungarischen Gesellschaften. Jana Laslavíková hat Dokumen te gesammelt, die von beträchtliche n Unterschieden des 8  Pressburger Zeitung, 12.5.1863; zit. nach: H OZA , Štefan: Opera na Slovensku , Bd. 1. Martin: Osveta 1953, S. 87. 9  Vgl.   F  ABRICIUS , Otto von: Das neue Theater in Pressburg. Festschrift  . Pressburg: Druckerei des Westungarischer Grenzbote 1886. 10  Vgl. B LAHOVÁ , Elena: Busty na priečelí historickej budovy Slovenského národného divadla . In: Bratislava (Zborník Mestského múzea), Nr. 17. Bratislava: Mestské múzeum 2005, S. 95– 104. 11  Vgl. im Artikel Der Eröffnungstag des neuen Theaters . In: Pressburger Zeitung, 23.9.1886, S. 5. 12  Vgl. L  ASLAVÍKOVÁ , Jana: Mestské divadlo v    Prešporku v   rokoch 1886   – 1920, Zit. in Anm. 5, S. 31. 13  Vgl. ebenda, S. 34  – 36.  künstlerischen Niveaus der verschiedenen Direktionsä ren zeugen. Doch kann festgelegt werden, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dem   Musiktheater in Pressburg keine Blütezeit beschert war. Auch der junge Bruno Walter, als Kapellmeister am Pressburger Stadttheater in der Spielzeit 1897 −1898 tätig, hinterließ ein Zeugnis über das kleine Orchester, den nicht allzu guten Chor und über     Anfänger  -Solisten (wenn er auch die Atmosphäre im Theater und die Bereitschaft  der Kollegen, an besseren künstlerischen Ergebnissen zu arbeiten , gelobt hat). 14  Andererseits ist bekannt, dass so mancher Pressburger Bürger die Wiener Theater, die Hofoper inbegriffen, regelmäßig besuchte. Und von der Offenheit des Pressburger Publikums zeugt zum Beispiel auch der begeisterte Empfang der Brünner Oper, die 1902 und 1905 in Pressburg gastierte und Werke tschechischer Komponisten in Originalsprache zur Aufführung brachte. Am Rande sei bemerkt, dass Pressburg die Gastspiele der Brünner Oper –  paradox und bezeichnend  –  einem Deutsch-Pressburger, Gustav Mauthner, Kritiker des Tagblatts Westungarischer Grenzbote und Besitzer einer Konzertagentur, zu verdanken hatte. 15 Noch an der Neige des 19. Jahrhunderts hatte Pressburg keine musikalischen Institutionen im modernen Sinn. Jedoch wirkten hier mehrere anerkannte private Musiklehrer  16  und mehrere musikalische Vereine auf konfessioneller, nationaler oder professioneller Basis, die auch öffentliche Auftritte veranstalteten. 17 In Orchesterkonzerten spielten Mitglieder des Theaterorchesters, das von den wechselnden Theaterdirektoren engagiert wurde und jeweils mehr oder minder aus den selben, in der Stadt ansässigen  Musikern bestand. Neben dem Theaterorchester hatten auch Militärkapellen öffentliche Auftritte, hauptsächlich in Form von Promenadenkonzerten (einen besonders guten Ruf genoss die Kapelle des Zweiten Infanterieregiments des k. u. k. Heeres). 18 Das Angebot wurde durch zahlreiche und beliebte Zigeunerkapellen ergänzt. Große, spektakuläre Produktionen  –    Aufführungen von Haydn - und Liszt-Oratorien, Beethovens Neunter Symphonie  oder Verdis Requiem  –  fanden mit vereinten Kräften statt, wobei ethnische und konfessionelle Grenzen problemlos überschritten wurden. Produktionen dieser Art wurden in der Regel vom Kirchenmusikverein zu Sankt Martin koordiniert, der ununterbrochen von 1833 bis 1950 bestand und auch über ein eigenes Orchester verfügte. Die Dirigenten dieses Vereins gehörten zu den bedeutendsten Pressburger Komponisten des 19. Jahrhunderts: Joseph Kumlik, Karl Mayrberger und Joseph Thiard-Laforest. Der Kirchenmusikverein schu f auch Bedingungen für die Entstehung (bzw. die Erneuerung) der höheren Musikschule, der Pressburger Städtischen Orgel - und Musikschule (1906), deren Direktor gleichzeitig Dirigent des Kirchenmusikvereins und Professor am katholischen Gymnasium war (als er  ster wirkte in diesen Funktionen der Brucknerschüler Eugen Kossow). Vom Kirchenmusikverein wurde 1906 auch die Gründung des Städtischen Orchesters angeregt.    Als Konzertveranstalter waren auch mehrere „Konzert - Direktionen“, d. h. Agenturen tätig, die Künstl ergastspiele organisierten. Die Bilanz ist beeindruckend: In Pressburg gastierte das Meiningener Hoforchester unter der Leitung Hans von Bülows, das Münchner Tonkünstler  - Orchester, wiedeholt das Wiener Tonkünstler  -Orchester, das Budapester Philharmonische Orchester und die „Böhmische Philharmonie“. In Pressburg konzertierten auch große Virtuosen: 14  Vgl. W  ALTER , Bruno: Téma s   variacemi. Vzpomínky a úvahy  . Praha: Státní hudební vydavatelství 1965, S. 114  – 120. 15   Näheres in: L  ASLAVÍKOVÁ , Jana:  Ocenenie českej opery v    Prešporku. Poznámky k hosťovaniu Národného divadla z Brna v prešporskom Mestskom divadle v rokoch 1902– 1905  . In:  Česko - německé hudební vztahy v minulosti a současnosti (CD ROM; Hrsg. Lenka Přibylová). Ústí nad Labem: Univerzita Jana Evangelisty Purkyně 2008.   16  Nach dem Bulletin Pressburger Wegweiser für das Jahr 1885   waren hier als Musiklehrer vierzehn Personen täti g; vgl. L ENGOVÁ , Jana: Hudba v období romantizmu a národno - emancipačných snáh (1830– 1918) . In: Elschek, Oskár (Hrsg.): Dejiny slovenskej hudby od najstarších čias po súčasnosť  , zit. in Anm. 1, S. 209. 17   Zu den bedeutendsten Gesangsvereinen gehörte die Lied ertafel (seit 1847), der Typographenbund (seit 1872), der Toldy- Kör (Toldy Zirkel; seit 1874), der Pressburger Singverein (seit 1879), der Arbeiter Gesangsverein Einigheit (seit 1904) sowie mehrere Kirchenchöre.   18  Vgl. L ENGOVÁ , Jana: Vojenská hudba a hudobný život Bratislavy v    19. storočí  . In: Slovenská hudba, Jg. 19 (1993), Nr. 3  – 4, S. 458  – 480.
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